Stellungnahme zum HAZ-Artikel: Schlimme Zustände in Hannovers Innenstadt
Die HAZ hat heute eine sehr einseitige Sicht auf „den Geschäftsbetrieb störende Menschen“ in der City veröffentlicht. Der Artikel klammert das Hilfesystem komplett aus und reduziert komplexe soziale Probleme auf einzelne Personengruppen.
Durch Formulierungen wie „Süchtige, Obdachlose und Trinker“ werden sehr unterschiedliche Menschen pauschal über einen Kamm geschoren. Die gewählten Aussagen in dem Artikel tragen zur Stigmatisierung und Ausgrenzung bei, anstatt differenziert zu informieren. Obdachlosigkeit und Suchterkrankungen sind keine freiwilligen Zustände, sondern Ausdruck sozialer Notlagen. Man schafft Probleme nicht aus der Welt, in dem man die Menschen „beiseite“ schafft, die Probleme haben. Entscheidend ist vielmehr, ihnen Perspektiven zu eröffnen – Orte, an denen sie sich sicher aufhalten können. Im Übrigen haben alle Menschen das Recht, sich in der City aufzuhalten: wohnungslose Menschen ebenso wie andere, die vor großen sozialen Herausforderungen stehen. Nicht in Hannover läuft grundsätzlich etwas schief. Vielmehr zeigen sich die Brüche in unserer Gesellschaft insgesamt: Die Risse im Sozialsystem werden größer! Zudem wird bei folgender Aussage eine ganze Gruppe ethnisch stigmatisiert: „Auf dem Platz an der Andreaestraße, der Schillerstraße und dem alten Karstadt-Haus verkaufen fast ausschließlich Menschen aus Afrika Drogen.“
Umso wichtiger ist es, alle Kräfte zu bündeln und gemeinsam gegen strukturelle Not wie Armut, Einsamkeit oder prekäre Lebenslagen vorzugehen. Genau das leistet das Hilfesystem – etwa durch das Diakonische Werk Hannover in enger Zusammenarbeit mit Stadt und Region – bereits in vielen Bereichen.
Der Artikel blendet die Ursachen dieser Situationen vollständig aus. Uns ist völlig unklar, warum man im Rahmen der Recherche zu diesem Artikel nicht das bestehende Hilfesystem (Sozialarbeit, Suchthilfe, Streetwork, Notunterkünfte,…) befragt hat. Damit entsteht der Eindruck, die Verantwortung direkt auf die Betroffenen abzuwälzen, anstatt gesamtgesellschaftliche Versäumnisse zu benennen. Eine ausgewogene Berichterstattung müsste sowohl die für uns absolut nachvollziehbaren Sorgen der Anwohner als auch die Perspektive der Betroffenen berücksichtigen.
Notwendig sind langfristige Lösungen wie mehr Hilfsangebote, Prävention, bezahlbarer Wohnraum und niedrigschwellige Unterstützung – nicht pauschale Schuldzuweisungen.
Die Innenstadt von Hannover ist so viel mehr als ein Ort zum möglichst störungsfreien Einkaufen. Sie ist nicht zuletzt in der kalten Jahreszeit ein Schutzraum, ein Lebensraum für alle sozialen Schichten und auch eine tägliche Erinnerung daran, dass Bedürftigkeit vor der eigenen Haustür sehr wohl existiert. Der verantwortungsvolle Umgang mit diesen zutiefst menschlichen Herausforderungen darf nicht allein über die Interessen von Geschäftsleuten artikuliert werden. Es gibt eine Vielzahl von sehr kompetenten Kennerinnen und Kennern der Situation in Hannovers Innenstadt. Sie sollten unbedingt auch gehört werden.
Friedhelm Feldkamp, Geschäftsführer und Diakoniepastor Diakonisches Werk Hannover gGmbH